von Inka Grabowsky, 31.08.2026
Ein Maler wie kaum ein anderer

Ein Zufall sorgte vor über 50 Jahren dafür, dass Willi Oertig Künstler wurde. Seine Werke waren so beliebt, dass er seine Familie davon ernähren konnte, wie er immer wieder stolz betonte. Nun ist er im Alter von 79 Jahren gestorben. (Lesedauer: ca. 2 Minuten)
Willi Oertig hatte vorgesorgt. Schon im Dezember 2021 übergab er seinen Nachlass dem Kunstmuseum. «Ich werde bald 75. In fünf Minuten kann ich am Boden liegen», sagte er damals. Und zum Wegwerfen nach seinem Tod seien seine gesammelten Materialen nun wirklich zu schade.
Ein Jahr lang hatte er sein Archiv sortiert und Wertvolles – unter anderem die Fotos, die seinen Gemälden zugrunde liegen – in Ordnern abgeheftet. Der damalige Direktor des Kunstmuseums Markus Landert nahm es gerne entgegen, um künftigen Forschern die Hintergrundinformationen zu jenen Bildern bieten zu können, die im Besitz des Museums sind.
Autobiografie geschrieben
Vergangenes Jahr legte der Maler nach. Der 78-Jährige liess siebzig Exemplare einer Broschüre mit seinen Lebenserinnerungen drucken. «… und kein Ende in Sicht» heisst sie. Im Gespräch in seinem Atelier deutete er an, dass er vor einigen Jahren ernste gesundheitliche Schwierigkeiten hatte. Auch das habe ihn motiviert, rechtzeitig aufzuschreiben, wie er wurde, was er ist. Er habe als junger Mann nie Künstler werden wollen, erzählte er: «Und nun habe ich über tausend Bilder verkauft, und ich mache immer noch weiter.»
Widrigkeiten überwunden
Tatsächlich war ihm das Leben als Künstler nicht in die Wiege gelegt: Er hatte eine Rot-Grün-Schwäche. Darum lernte er Plandrucker und malte nur in seiner Freizeit. «Malen half mir als Jugendlicher gegen meine Migräne.» Es sei so etwas wie eine Traumabewältigung gewesen. «Es war eben ein Drang, um sich auszudrücken und das Leben zu verkraften.» Er sei in der Kindheit viel allein gewesen. «Die Einsamkeit ist in mir drin.»
Video: Willi Oertigs Jubiläumsausstellung zum 70. in der Stadtgalerie Baliere in Frauenfeld (2017)
Menschenleere Bilder
Einsamkeit konnte man auch in seinen Bildern spüren. Menschenleere Szenen sind es meist – Tankstellen, Eisenbahnsignale, Bodenseefähren, das Nachbarhaus, das einer Neuüberbauung weichen muss: «Ich bin der Einzige nach Adolf Dietrich, der den Thurgau realistisch malt. Ich male was ist, aber was eventuell bald nicht mehr da ist – ein Zeitbild, das man versteht.» Das klang arroganter als Willi Oertig sein wollte: «Ich bin immer noch demütig. Ich hatte Glück und habe die beste Zeit erwischt, um Künstler zu werden.»
Der Schlüsselmoment für seine Karriere war die erste juryfreie Ausstellung in Zürich 1971. «700 Menschen haben mitgemacht, und ich bin als einziger entdeckt worden. Alle meine 13 Bilder hatte ich verkauft. Einen Monat später habe ich nur noch gemalt.» Mit der Etikettierung als «neue Art von naiver Kunst» in einem Zeitungsbericht konnte der Autodidakt nichts anfangen. Er habe erst ein Buch kaufen müssen, um den Kommentar einschätzen zu können.
Immer wieder trotzte Willi Oertig widrigen Umständen – und hatte eine Menge Spass dabei: «Man hat ein Leben - ausser, man ist gläubig. Da muss man doch etwas rausholen.» Am 21. August ist Willi Oertig an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. Der Thurgau hat ein Original verloren.
Als Reaktion auf unseren Nachruf schrieb uns Peter Gubser aus Arbon. Und schilderte diese schöne Anekdote über seine Begegnungen mit Willi Oertig.
«Ich lernte Willi etwa 2010 kennen, als ich mit der Parlamentsgruppe Kultur des Grossen Rates einen Atelierbesuch bei ihm machte. Natürlich wollte er auch mir ein Bild verkaufen. Er erzählte von seiner grossen Sammlerwut, und dass er über 100 Zitronensaftfläschchen im Keller habe. Da gab ich ihm den Auftrag, ein solches Fläschchen etwa im Format A4 zu malen. Ich wollte ja kein grosses Gemälde für x-1000 Franken. Nach kurzem Zögern, sagte er zu. Ich müsse das Bild dann aber auch kaufen. Nach zwei Monaten rief er mich an. Ich holte das Bild ab und bezahlte bar.
Später gab ich ihm dann auch noch den Auftrag, eine Rivella-Flasche zu malen. Das beiliegend fotografierte Bild (siehe unten) der Bahnstation Bürglen, meine Frau ist in Bürglen aufgewachsen, kaufte ich vor etwa fünf Jahren bei seiner Ausstellung im Löwen Sommeri. Dort ist auch das Foto entstanden, das neben dem Bild hängt.
Bei den Treffen in seinem Atelier habe ich mich immer wieder mit ihm über Zürich unterhalten, wo wir beide in den 50er- und 60-er-Jahren aufgewachsen sind. Beide waren wir zeitlebens FCZ-Fans.»

Der Künstler
Willi Oertig wurde 1947 in Zürich geboren, seit beinahe 40 Jahren lebte er im Thurgau. Seine Mutter legt den Grundstein für die Karriere: Als Jugendlicher bekommt er von ihr einen Malkasten mit Ölfarben. Eine Kunstschule hat er nie besucht, Willi Oertig brachte sich alles selber bei. Mit der Zeit entwickelte sich sein Stil. In den Anfängen waren die Bilder naiv geprägt, später wird er dem Realismus zugeordnet. Willi Oertig liebte Blues, Rock und Punk. Während dem Malen hörte er immer Musik. Auch der Song von John Lee Hooker im Video oben zählte zu seinen Lieblingen.

Von Inka Grabowsky
Weitere Beiträge von Inka Grabowsky
- Mythen in Pixelform (02.09.2026)
- Vom Freisitz zum Kunsthaus (27.08.2026)
- Versailles in Märstetten (24.08.2026)
- Getanzte Geschichten im Seeburgpark (24.08.2026)
- Erinnerungen an die Gründung des Bodmanhauses (10.08.2026)
Kommt vor in diesen Ressorts
- Kunst
Kommt vor in diesen Interessen
- Nachruf
- Bildende Künste
Ähnliche Beiträge
Wie die Natur Kunst schafft
Von der Pilzspore bis zum gewaltigen Eisberg, der Reichtum der Natur sind die Sujets von Georges Wenger. Der Künstler und Typograf zeigt sie nun mit «Radikaler Aufmerksamkeit» im Kunstverein Frauenfeld. mehr
Diese entsetzliche Lücke
Licht, Architektur, Gesellschaft: Asi Föcker und Anne Gathmann legen im Shed des Eisenwerks rätselhaft-kunstvolle Spuren zur Deutung unserer Zeit. mehr
Mehr Struktur, mehr Programm: Wie sich das Eisenwerk professionalisiert
Mit dem sanierten Saal wächst das Frauenfelder Kulturhaus: Bis zu 600 Gäste sind nun möglich, zugleich steigen die Anforderungen. Das Ehrenamt soll trotzdem zentral bleiben im Betrieb. mehr

